Santa Klaus oder warum vor Gericht fast alle gleich sind

Die Volksseele kocht – die Boulevardzeitungen verbuchen Auflagenrekorde.

Nachdem die schutzsuchenden Banker und Manager sich selbst und ihren Anlegern fette Dividenden ausschütten und das ungerührt mit vertraglichen Verpflichtungen begründen, wird in Deutschland die  Supermarktkassiererin Emily fristlos gefeuert, weil sie einen Leergutbon im Wert von 1,30 Euro nicht belegen konnte.

Wolfgang Thierse nennt das Urteil des Landgerichts gegen die Kassiererin unmenschlich – daraufhin fordert das Gericht seinen politischen Kopf. Das wird mit Sicherheit nicht geschehen, da das Gericht genauso wenig die Absetzung von Politikern fordern kann, wie Politiker die Absetzung von Gerichten.Dafür haben wir in Deutschland Gewaltenteilung.

Nun hat Thierse weniger hart über das Urteil geurteilt als das Gericht über Thierse, den Thierse hat mit keiner Silbe die Absetzung der Richter gefordert. Die Diskussion im Falle der Kassiererin ging möglicherweise in eine falsche Richtung, da es dem Gericht erst einmal grundsätzlich egal sein muss, ob 1.30 Euro oder Tausende gestohlen wurden.

Die interessante Frage ist doch, ob wirklich der Verdacht der Unterschlagung genügt, um eine solche Kündigung auszusprechen, zumal wenn sich Emily noch nie etwas zuschulden kommen ließ. Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Mitarbeiterin die seit 31 Jahren Kassiererin ist, plötzlich auf die Idee kommt, einen solchen Betrag zu unterschlagen?

Kann es nicht sein, dass ihre gewerkschaftlichen Aktivitäten dabei eine Rolle gespielt haben?

Wie schwer ist es eigentlich, einer Kassieren einen solchen Bon in die Kasse zu stecken, wenn man sie loshaben möchte?

Oder umgekehrt: Wir glaubhaft ist der notorische Steuerhinterzieher Klaus Zumwinkel, wenn er plötzlich alle Sünden beichtet und Steuern nachzahlt? Bleibt da nicht ein Geschmäckle, dass er doch das ein oder andere Geheimnis in bar mit auf seine Burg am Gardasee genommen haben könnte?

Wie gerecht urteilen Gerichte?

Zum Vergleich: Klaus Zumwinkel, der den Fiskus um mehrer Millionen prellte, kam mit einer Geldbuße und Bewährungsstrafe davon, während zur gleichen Zeit ein Berliner Hartz-IV-Empfänder, der jahrelang schwarz gearbeitet und damit 20.000 Euro an Stütze ergaunert hatte, vier Jahre Gefängnis ohne Bewährung bekam. Wer hat dem Land mehr Schaden zugefügt? Der Schwarzarbeiter oder der Steuerhinterzieher?

Die Supermarktkette, bei der die dreifache Mutter und Großmutter fast ihr ganzes Leben lang beschäftigt war, will nun die fristlose in eine fristgerechte Kündigung umwandeln.

Die Gewerkschaft wird weiter klagen. Emily kann einem Leid tun, weil sie von allen Seiten vorgeführt wird. Klaus Zumwinkel konnte einem Leid tun, als er im letzten Februar abgeführt wurde. Auch das war eine öffentliche Anprangerung, die in solcher Form sicherlich nicht erforderlich war. Die damals zuständige Staatsanwältin wurde inzwischen strafversetzt, weil sie interessengeleitet gehandelt hätte, als sie Teile des Bußgeldes an die Privatschule gab, an der ihre Tochter unterrichtet wird. Das ist so, als ob man einen unbelegten Leergutbon in ihrer Kasse gefunden hätte.

Der Kassiererin können wir nur wünschen, dass sie wieder einen Job findet, Klaus Zumwinkel, dass er eine sinnvolle Beschäftigung findet, den Richtern, dass sie in Zukunft bei solchen  Prozessen mehr Fragen stellen und jetzt hoffentlich nicht wegen der Kritik meinen Kopf fordern.

Der Volksmund sagt: „Die Kleinen hängt  man, die Großen lässt man Laufen“ – dieser Eindruck ist so jedenfalls nicht wegzubekommen.

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