Das entspannte Künstlerleben!

Was sie schon immer über das entspannte Künstlerleben wissen wollten

Von Helene Mierscheid

 

Ich habe Premiere. Das ist schön und furchtbar. Schön, weil ich mich auf das neue Programm freue und hoffe, das Publikum durch meine klugen Einsichten beeindrucken zu blablabla.

Die Wahrheit ist: ich mache mir vor Angst in die Hosen. Das tun wir alle, wir Künstler. Die Premiere ist in einem der schönsten Theater Berlins. Das Theater besitzt mehrere Säle und ich spiele im kleinsten, da wirkt das Publikum größer. Clever, was?

Anwesend sind lauter Menschen die mir persönlich wichtig sind und natürlich zahlende Gäste.

Die Menschen die mir wichtig sind kommen aus Ost- und Westdeutschland. Das Programm geht über die 80er Jahre in Ost- und Westdeutschland.  

Ich will sie nicht enttäuschen, belehren oder beleidigen. Am besten sage ich wohl nichts.  Die zahlenden Gäste will ich auch nicht enttäuschen, belehren oder beleidigen, denn die will ich ja wiedersehen. Nein, ich hoffe, dass sie MICH wiedersehen wollen.

Die Woche vor der Premiere war nicht gut. Kreislauf macht Probleme und ich habe was am Fuß. Das hatte ich bei meinem letztens Gastspiel in dem schönen Theater auch. Letztes Jahr der linke Fuß, diesmal der rechte. Das nennt man wohl Symmetrie.

Ich habe seit Wochen kaum geschlafen, weil das Programm so nicht geht. Das erkennt man als Künstler immer drei Wochen vor der Premiere.

Also rund um die Uhr gearbeitet. Das hat Folgen. Ich bin halt keine knackige fünfzig mehr. Darf keinen Sport machen wegen blödem Fuß. Ja, ich mache Sport! Wirklich!

Die Hausärztin gibt mir ein Attest für das Sportstudio und schaut mich an. Was haben Sie denn für Augen? Ich sage: „zwei und blau“.

Sie schüttelt den Kopf. „ Zwei stimmt, aber rot“. Bindehautentzündung. Antibiotikatropfen.

Mein Wahnsinn nimmt stetig zu, Auf der Straße in meinem Kiez frage ich Leute nach dem Wochentag. „Helene hat wieder Premiere“, murmeln sie. Mehr können sie nicht sagen denn ich rede die ganze Zeit. Ich probe an jedem armen Passanten, auch an Babys, wenn ihre Eltern sie nicht entschlossen wegfahren. Ich verliere Sachen. Mein Wischmopp ist nie wieder aufgetaucht. Wie bitte verliert man einen Wischmop?

Ich packe am Premierentag meine Sachen sehr sorgfältig ein. Dieses Programm wird besonders. Das weiß ich. Besonders gut oder besonders schlecht.  

Auf dem Weg ins Theater eröffnet mir mein bester Freund per SMS, dass es ihm schlecht geht und er den Notarzt erwartet.

Am Empfang des Theaters geht man durch eine interne Tür und dann geradeaus. Ich schaffe es nicht und verlaufe mich dreimal. Ich öffne willkürlich und zunehmend verzweifelt Türen und finde so den Seniorchef des Theaters, der heimlich raucht.  Als ich zum dritten Mal am Empfang erscheine, glaubt die Mitarbeiterin zu halluzinieren.

Dann bin ich im Theater. Im Theatersaal gegenüber ist auch eine Veranstaltung. Ich versuche, die Pausenzeiten abzusprechen. Die Künstler dort sind auch aufgeregt und erzählen mir, was in ihrem Stück alles vorkommt.

In meinem kleinen Saal freut sich die Lieblingstechnikerin auf mich. Nur das Headset möchte sie mir ungern geben, denn vor vielen Jahren habe ich einmal einen Sender ins Klo fallen lassen.

„Möchtest du nicht lieber das Mikrofon nehmen, Helene?“ Fragt sie charmant und ein klein wenig ängstlich. Nach dem Zwischenfall damals hatte ich einen Spitznahmen: Helene die Täuferin.

„Diesmal brauche ich beide Hände frei, weil ich viel in die Hand nehme.“ Ok, Headset.  

Ich stolpere über ein korrekt verlegtes Kabel und schmeiße mit Zetteln um mich.

In der Garderobe mache ich Entdeckungen:  Ein Kostüm ist noch Zuhause genauso wie alle schön vorbereiteten und ausgedruckten Texte.

Ich stürze in den Theatersaal und stolpere nochmal über das korrekt verlegte Kabel. Diesmal fliegen Flaggen.

Der Sohn der Technikerin stürmt davon um Songtexte zu besorgen.

Die Chefin des Theaters kommt und findet ein Nervenbündel vor, das mit Schminkstiften um sich schmeißt. Die Chefin kennt das und hebt die Stifte auf.

Da erkenne ich mit einem Blick in mein Schminkmäppchen, dass das Makeup auch Zuhause ist. Ich habe einen Concealer, der Augenringe verdecken soll, die ich nach drei Wochen irrer Arbeit am Programm auch wirklich habe. Olympische Augenringe.

Ich sage nichts wegen Makeup, denn ich will nicht, dass die Chefin mich für verrückt hält. Ich schminke mich mit Concealer.

Dann ist es soweit.

Erste Hälfte., Das Publikum mag sehr was ich tue.

Pause

Ich drehe das Shirt des zweiten Kostüms um, weil ich kein anderes Kostüm habe. Ich muss Buttons anbringen was mit hektische Händen gar nicht so einfach ist.

Da kommt die Technikerin und fragt, ob ich nicht bald auf die Bühne möchte. Sie hat die Musik schon vor Minuten gestoppt. Ich will sofort raus.

„Warte bitte bis ich am Technikpult bin“. Sie ist die Ruhe selbst und guckt nur ein kleines bisschen verzweifelt.

Zweite Hälfte. Das Publikum findet mein Kostüm etwas ähnlich. Ich trage aber auch Stulpen und Buttons. Das ist heute die Abwechslung, Shirt von vorne und Shirt von hinten. Das Publikum liebt das Programm. Ich vergesse Zugabe zwei und drei. Die erste spiele ich immerhin. Dann ist es Zu Ende und alle sind glücklich. Ost und West zufrieden, die zahlenden Gäste gucken als ob sie gerne wiederkommen würden. Die Technikerin atmet auf.   

Ich bekomme das nur noch am Rande mit, denn der Freund simst dass es ihm besser geht. Wir sind noch im Theatercafe.  Es ist voll und alle reden.  Ich auch. Damit aufhören ist nach zwei Stunden echt schwierig und ich bin überglücklich. Über die Premiere und über den Freund.   Kollegen bringen mich in ihrem Bulli heim. Ich muss aus dem Bulli herausgezogen werden und krabble fast in den vierten Stock.  

Es ist nicht einfach, ein Gesicht voller Concealer zu reinigen. Ich falle ins Bett.

Am nächsten Morgen schaue ich die hübschen Premierenrosen in meiner Vase an. Das Leben ist wunderschön.

Ich versichere allen im Kiez, dass ich wieder normal bin. Der Kiez atmet erleichtert aber noch etwas skeptisch auf. Die Babys dürfen wieder mit mir lachen. Ich plaudere mit der Bäckereiverkäuferin diesmal über IHR Leben. Freunde können anrufen ohne dass ich sie mit Programmausschnitten volllabere. Diesmal labere ich sie über die Premiere voll. Alle freuen sich.  Ich atme auf und lege mich wieder hin.

Wie gut, dass ich Künstlerin bin und so ein entspanntes Leben habe.