Kommentar

Der britische Wahnsinn oder eine Insel setzt die Segel

Es war gar nicht so gemeint – das sah man Nigel Farage von der UKIP förmlich an – fast genau vor einem Jahr am Abend der Brexitabstimmung. Da sah es noch so aus, als ob die Mehrheit der Briten für „remain“ gestimmt hätten, also für den Verbleib in der EU.

„Wir haben es versucht und es hat nicht geklappt“ murmelte er da erleichtert in die Kamera und sah dabei gar nicht mal so unglücklich aus.

Am nächsten Morgen das andere Bild. Ein Nigel Farage der guckte, als ob er mit der Hand in der Hose erwischt worden wäre: Glücklich, dass er es kann aber peinlich berührt, dass er dabei erwischt wurde.

Seither mäandert Großbritannien von einer Katastrophe zur nächsten. Die Schotten überlegen, das vereinigte Königreich zu verlassen. Theresa May macht eine unglückliche Figur und seit der vorgezogenen Neuwahl eine noch unglücklichere. Sie hatte wirklich geglaubt, dass die Briten sie mit einer komfortablen Mehrheit ausstatten würden. Das kommt davon wenn man nicht mit den Wählern spricht, was sie wohl während des Wahlkampfes konsequent nicht getan hat.

Verständlicherweise – denn richtig gut kam sie nur in der erzkonservativen Presse rüber, die sie konsequent als neue Margaret Thatcher stilisierte und idealisierte. Da wusste sie natürlich, dass sie dieses perfekte Bild durch ihre Realität nur verhunzen konnte.

Nun ist es also passiert und sie muss mit der Duldung der rechtskonservativen Nordirischen DUP, deren Gründer Ian Paisley als rechtsnationaler Hardliner mit hardcore antikatholischem Hintergrund immer wieder auffiel. In der DUP vereinen sich Kreationisten, Homophobe und was noch so kreucht und fleucht.

Damit ist die Frage on „harter“ oder „weicher“ Brexit beantwortet und Theresa May kann wieder einmal behaupten, auf die Weisungen anderer angewiesen zu sein.

 

Der fürchterliche Hochhausbrand von London hat einen tiefen Blick in die gesellschaftliche Realität Britanniens gewährt.

Kensington, eines der reichsten Councils Englands hatte kein Geld für eine vernünftige Sanierung eines Sozialbaus. Hochbrennbare Außenverkleidungen wurden angebracht, auf Sprinkleranlagen verzichtete, der Brandschutz komplett missachtet. Nicht dass es keine Hinweis der Bewohner gegeben hätte. Die gab es reichlich und sie wurden genauso reichlich ignoriert. Das Resultat: Mindestens 70 Tote, zahllose Verletzte und mehrere hundert Obdachlose.

So geht das schon lange in England. Ein einstmals vorbildlicher National Health Service ist heute eine schaurige Minimalversorgung. Wer keine zusätzliche private Krankenversicherung hat schaut schnell in die Röhre – damit ist leider nicht das MRT gemeint.

Maggy Thatcher hatte in den 80er Jahren privatisiert was nicht schnell genug weglaufen konnte: Bahn, Universitäten, Schulen, das Wasser. Alle müssen Gewinne erwirtschaften – die Schulstandards sind seither im freien Fall, das Bahnfahren lebensgefährlich oder auch nur Glücksache, das Wasser sprudelt schon mal sichtbar dunkel aus dem Hahn, weil nicht mehr kontrolliert wird..

Den Norden hat sie wirtschaftlich kaltgestellt. Die Kohleminen wurden geschlossen, die Schwerindustrie abgeschafft. Damit schuf sie ein Ungleichgewicht, das sich nicht wieder eingependelt hat. Jobs gibt es nur noch im Süden der Republik. Menschen pendeln bis zu vier Stunden am Tag, weil Wohnungen im Großraum London nicht bezahlbar sind. Sie setzte ausschließlich auf Dienstleistungen.

Eine Wirtschaft, die nur auf dem tertiären Faktor, der Dienstleistung aufgebaut sein soll benötigt einen großen Markt um diese Dienstleistungen anbieten zu können. Das ist mit dem „harten“Brexit wohl vorbei.

Bei einem „weichen“ Brexit könnte es gehen wie mit Norwegen oder der Schweiz. Um am großen europäischen Markt ungehindert teilzuhaben müssen beide Länder erhebliche Summen zahlen und jede Regulierung schweigend akzeptieren.

Es war die Angst vor Migranten, die in einer unfassbaren Schmutzkampagne geschürt wurde, garniert mit völlig falschen Zahlen über Englands Beitrag zur EU. Das ist möglich, weil die englische Presse bis auf wenige Ausnahmen zentralisiert und komplett korrupt ist.

 

Inzwischen aber fangen die Bauern sich an zu fragen, wer die Ernte einbringen wird, wenn nicht die Erntehelfer aus Osteuropa, die ja auch bei uns die Felder abernten.

Langsam fragt sich auch der marode National Health Service, was er ohne die vielen gut ausgebildeten Arzte und Pflegekräfte aus der EU machen wird.

Wie Elmar Brok, der außenpolitische Sprecher der Konservativen im Europäischen  Parlament schon direkt nach der Abstimmung sagte, glaubt er, dass das Ganze auf einer Wette zwischen den beiden Eaton-Boys David Cameron und Boris Johnson basiert, ja genau der, der keinen geraden Hauptsatz herausbekommt. Johnson ist ja inzwischen zum zweiten Mal Außenminister. Er ist die britische Antwort auf Donald Trump, sowohl was das Äußerliche als auch was die Eloquenz der Rede betrifft.

David Cameron hat sich davongestohlen. Ja, die Briten wetten gerne und in den abgehobenen Kreisen, die Eaton zu besuchen pflegen, gilt es als besonders schick, keinen Blick für die Bevölkerung zu haben.

Wetten, dass das schiefgehen wird?

 

 

 

 

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