Eingangstext Mai

Liebe Besucherinnen und Besucher meiner Online-Politikberatung,

 

jetzt habe ich mich doch selbst dabei ertappt, es zu tun. Was zu tun? Werden Sie sich fragen. Naja, das was alle Berliner am 1. Mai tun. Darauf warten, dass die Hubschrauber über dem Balkon kreisen, sich atemlose Nachrichten von umgestürzten und brennenden Autos ein paar Straßen weiter herumtelefonieren, dass die Tram nicht in die übliche Richtung fährt, dass auf dem Mariannenplatz in Kreuzberg gleichzeitig gesperrt und geräumt wird, wie das vor ein paar Jahren der Fall war, dass Professoren mit ihren Studenten stundenlang in irgendwelchen Hafteinrichtungen stehen müssen, ein Kessel gebildet wird, niemand aufs Klo darf, dass Randalierer brennende Molotowcocktails auf Polizisten werfen, dass ein Plus-Supermarkt ausgeraubt wird, dass Innensenator Körting die Maßnahmen verteidigt, die CDU sie kritisiert, oder wenn die CDU an der Macht ist umgekehrt, dass Kinder und ihre Eltern schreiend von Volksfesten rennen, die diese Eltern noch vor wenigen Jahren selbst versuchten aufzumischen, kurz, all das, was ein Berlin-Bild in der Welt zementiert, wie man es sich nicht übler vorstellen kann.

Über die Sinnlosigkeit von Prügelfolklore muss glaube ich niemand aufgeklärt werden. Alle Rituale tragen ihre Kritikfähigkeit in sich, weil sie sich mit der Zeit immer mehr von ihrem Ursprung entfernen. Seit nunmehr einigen Jahren in Berlin ansässig, verblüfft mich immer wieder, dass Gäste nicht mit kugelsicherer Weste und Helm durch die Stadt laufen. Gerade kürzlich las ich in der Berliner Zeitung, dass eine Britin total überrascht war, dass Berlin nicht eine ewig donnernde, rauchumwölkte Gewaltmetropole ist (wie London – kleiner Scherz), sondern manchmal nur eine nette, grüne, relativ entspannte Stadt.

Gut, Massenschlägereien nicht ausgeschlossen.

Vielleicht werde ich ja auch nur älter, wie die meisten früheren Revoluzzer, oder wer sich dafür hielt. Es fällt mir schwerer, die Damen und Herren in grün per se als meine Feinde zu betrachten und ich habe nicht mehr für jeden automatisch Sympathie, der Dreadlocks trägt und dem die Hosen um die Knie baumeln.

Gar kein Verständnis habe ich allerdings für glatzköpfige mitteljunge Männer, die mittelbetrunken in Trams sitzen und laut darüber schwadronieren, dass bei Überfällen auf Ausländer sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt würden, während man uns Deutsche klaglos umnieten dürfe. Und das alles nur, weil wir zwei Weltkriege verloren haben.

Und jeder dieser Herren, deren Bizeps allesamt größer waren als ihre Köpfe und deren Intelligenz in einer gemeinsamen Anstrengungen die Raumtemperatur der Bahn mit Mühe hätte erreichen können, war ein Opfer der Überfremdung und Deutschfeindlichkeit. Jeder kannte den bösen Türken, der ihn einmal mies angemacht hatte. Einer berichtete, dass ihn nur sein Gipsarm vor einer Schlägerei mit Türken bewahrt hätte. Na immerhin, da schien noch etwas wie Rücksicht von der Gegenseite durchzuschimmern. Eine Rücksicht, die ein farbiger Deutscher in Potsdam nicht erwarten konnte. Schlimm war, dass die Männer in der Tram kein Wort für das Opfer hatten, das zu dem Zeitpunkt noch zwischen Leben und Tod schwebte.

Noch schlimmer war, dass niemand in der Tram dem Treiben ein Ende setzte oder Widerworte sprach. Die Autorin war da leider keine löbliche Ausnahme und das wird nie wieder vorkommen,

schwört Ihre

Helene Mierscheid

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